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"Sprachlosigkeit, Machtlosigkeit, Ohnmacht"

Posted by Katharina Lang
Katharina Lang
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on Saturday, 22 October 2011 in Beratungsalltag

Ich treffe diesen Klienten, welcher sich seit fast 10 Jahren in Östereich aufhält, nun schon zum vierten Mal. Eigentlich hat bereits ein Arbeitskollege seinen Fall übernommen.

Es ist ein ganz gewöhnlicher Beratungsabend. Es ist bereits nach 19:00 und es warten immer noch drei Personen auf eine Beratung. Der Kopf brummt mir bereits. Eigentlich müssten wir die Beratungen bereits beendet haben und die wartenden KlientInnen auf unseren nächsten Öffnungstag verweisen. Schließlich steht ja auf dem selbstbemalten Schild vor unserer Kellertür, dass die Beratungsstelle nur von 17:00 bis 19:00 geöffnet hat.

Christopher (Name geändert) wartet bereits seit über einer Stunde auf mich. Bereits als er zur Tür rein kam hat er ohne Aufforderung gleich verstanden. Heute ist wieder viel los. Er hat mir dann per Handzeichen gedeutet, dass er sich im Wartebereich auf einen Stuhl setzen wird und hat mir zugerufen: „Kein Problem ich warte!“

Nachdem ich mein Beratungsgespräch abgeschlossen und den Klienten verabschiedet hatte kam Christopher gleich zum Beratungstisch. Er setzte sich neben mich und zog eine große Mappe aus seiner Tasche. Ohne etwas zu sagen breitete er alle Dokumente auf dem Tisch aus, legte die Tasche auf den Boden und schaute mich fragend an. Christopher möchte gerne eine Rot-weiß-Rot Karte plus beantragen. Jedoch kann er dies (zumindest jetzt noch) nicht, da sein jahreslanges Verfahren fehlerhaft von der obersten Instanz im Asylverfahren beendet wurde.

Ich habe Christopher bereits erklärt, dass wir jetzt leider wieder einmal nur warten können. Er schaut mich an, zeigt auf jedes Dokument welches er auf dem Tisch aufgelegt hat und sagt ein, zwei Sätze dazu. Christopher spricht fließend Deutsch. Er hat mir bereits alles gezeigt. Dennoch betrachte ich nochmals alle Dokumente mit ihm: Deutschkurszertifikate, Arbeitszusagen, Bestätigungen über ehrenamtliche Tätigkeiten, Briefe von Freunden und Verwandten uvm. Christopher würde eigentlich alle Voraussetzungen für eine Rot-weiß-Rot Karte plus erfüllen.

Christopher ist ein großer, muskulöser Mann und dennoch wirkt er sehr schwach, sein äußeres Erscheinungsbild hat sich seit dem Erhalt des negativen Bescheides verändert. Sein Gang ist schleppend, der Blick meist auf den Boden gerichtet, seine Hände wirken schwer und sein Gesicht emotionslos.
Er fragt mich abermals; "Katharina was kann ich tun. Ich kann es nicht verstehen. Warum darf ich keinen Antrag auf eine Niederlassungsbewilligung stellen. Ich erfülle doch alle Voraussetzungen. Ich möchte Sicherheit, ich möchte arbeiten, ich möchte zur Ruhe kommen. Ich bin müde. Es geht mir nicht gut."

Ich versuche seinen Blicken auszuweichen, es fällt mir keine Antwort ein, keine Möglichkeit diesen Sachverhalt nochmal zu erklären. Ich verspüre Machtlosigkeit, Wut und Zorn. Es gibt keine Erklärung. Es gibt keinen Satz der Christopher helfen oder ihn aufheitern könnte. Es gibt nur die Möglichkeit des Wartens. Ich bin sprachlos, gefangen in der Ohnmacht nicht helfen zu können …

Tags: Neu
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